Jeder, der mit seinem Hund Gassi geht, kennt dessen typische Schnüffelpausen. An Ecken, Bäumen, Laternenpfählen und Masten wird ausgiebig jeder Geruch studiert. Für Hunde ist das wie Zeitunglesen. Dabei erfahren sie eine Menge über ihre Artgenossen, die vor ihnen hier vorbeigekommen sind.

Klar, dass man bemüht ist, die Nachrichtenlage selbst zu ergänzen. So hebt der Rüde das Bein und markiert mit seinem eigenen Duft ebenfalls dort, wo die Artgenossen es besonders gut riechen können. Dabei gilt das Gebot: Je höher, desto eindrucksvoller. Denn die höchste Markierung ist nur schwer zu überdecken. Große Hunde haben es da leichter. Sie können auf jeder Laterne die oberste Stufe der Geruchsleiter besetzen. Doch auch kleine Hunde tun alles, um möglichst weit oben zu markieren. So gelingt es beispielsweise einigen Möpsen, sich zu diesem Zweck in den „Handstand“ zu begeben. Gegenüber einfachem Beinheben bringt das noch einige wertvolle Zentimeter zusätzlicher Höhe. Diese Technik wird in seltenen Fällen sogar von Hündinnen angewandt.

Das Markieren der Rüden an erhöhten Orten bietet einige Vorteile: Die Spur bleibt länger frisch, weil niemand darüber laufen und sie verwischen kann. In Nasenhöhe angebracht, werden Artgenossen eher darauf aufmerksam. Vertikale Markierungspositionen sind untereinander üblich, so dass man nicht lange danach suchen muss.  Auch wenn ein Hund schon ausführlich gepinkelt hat; für das Markieren sind immer noch ein paar Spritzer verfügbar. Selbst dann, wenn wirklich kein Tropfen mehr kommen will, wird das Bein noch einmal gehoben. Die Handlung hat eine instinkthafte Eigendynamik, die nicht davon abhängt, ob tatsächlich genug Urin vorhanden ist.

Welpen hocken sich beim Wasserlassen einfach mit gebeugten Hinterbeinen auf den Boden. Erst in der Pubertät, mit acht bis neun Monaten, erlernen die Rüden das Beinheben. Das klappt durchaus nicht auf Anhieb hundertprozentig: Der Baum steht rechts, doch irrtümlich wird das linke Hinterbein gehoben… Auch das will gelernt sein und braucht seine Zeit.

Im Urin befinden sich Sekrete mit individuellem Eigengeruch aus Duftdrüsen sowie bestimmte Sexualhormone. Diese Duftmischung enthält also eine Fülle an Informationen, die von den Artgenossen gewissenhaft „ausgelesen“ werden. Im eigenen Revier hat das Markieren vor allem den Effekt, das heimatliche Territorium zu kennzeichnen. Gerüche, auf die man immer wieder stößt, zeigen an, wer noch in der Gegend ansässig ist. Duftmarken allein bedeuten aber noch keinen territorialen Besitzanspruch, sondern sind rein informativ  und lösen folglich auch keine Furcht aus. Wird allerdings ein unsympathischer „Absender“ wahrgenommen, so läßt sich das oft am gesträubten Fell des Schnuppernden erkennen. Außerdem können Duftmarken Informationen zur sexuellen Disposition enthalten, also Aufschluß darüber geben, ob sich paarungsbereite Artgenossen im Gebiet befinden.

Auch die Duftmarken, die Hündinnen am Boden hinterlassen, werden entsprechend sorgfältig studiert. Zwar scheiden Hündinnen normalerweise den gesamten Urin auf einmal aus, sind sie jedoch läufig, so hinterlassen sie Zusatzbotschaften, um die Rüden über ihren hormonellen Zustand zu informieren. Auch Hündinnen hocken sich nicht wahllos an irgendeine Stelle, sondern „überschreiben“ oftmals gezielt die Geruchsbotschaft einer Vorgängerin.

Aus der Art des Urinierens können Hunde einander schon aus weiter Ferne als männlich oder weiblich identifizieren, lange bevor eine präzise Geruchswahrnehmung möglich ist. Die Frische von Markierungen läßt außerdem Rückschlüsse darauf zu, wann Fremde das Revier frequentiert haben. In freier Wildbahn ist es dadurch möglich, dass Rudel einander aus dem Weg gehen, beziehungsweise bestimmte Orte im Wechsel aufsuchen, um Konflikte zu vermeiden.